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"PILATES IN DER SCHWANGERSCHAFT, EINE PERSÖNLICHE REISE"

April 2018 / Bea Eggimann:

Mein Interesse an Pilates in der Schwangerschaft begann schon kurz nach der Gründung von Pilates Bern. 
Bereits davor, in meiner Zeit als Medizin-Laborantin im alten Frauenspital, hatte ich das Privileg, auch bei Geburten dabei zu sein. Anstatt während des Pikettdiensts in der Nacht zu schlafen, fand ich es spannender, zur Geburtsabteilung zu gehen und dort zu unterstützen und zu lernen. Ein unbeschreiblicher Moment, wenn ein neues Lebewesen geboren wird.

Jede Frau erlebt ihre Schwangerschaft anders. Da ich noch kein Kind hatte, wollte ich so viele Erfahrungen wie möglich hören. So hing ich an den Lippen von Hebammen, Freunden, Bekannten und Kundinnen, wenn sie über ihre Schwangerschaft und Geburt sprachen. Ich besuchte die verschiedensten Weiterbildungen im In- und Ausland zum Thema Schwangerschaft und Rückbildung und begann, Frauen während der Schwangerschaft und Rückbildung mit Pilates zu begleiten. Ich hatte etwas später auch das Glück, eine Hebamme im Team als Trainerin zu haben, mit welcher ich unser erstes Konzept „Pilates in der Schwangerschaft“ entwickelte. Gleichzeitig nahmen wir spezifische Stunden in der Schwangerschaft in unser Programm auf.

Jahre später war es auch bei mir soweit und ich wurde schwanger. Diese Zeit der Schwangerschaft war eine fantastische Erfahrung, wenn auch nicht nur angenehm. Aber nach so viel lesen, lernen, begleiten von Frauen in dieser speziellen Zeit nun meine eigene Erfahrung zu machen, war genial. Der Körper und die Emotionen verändern sich und mir wurde noch klarer bewusst, wie Pilates diese spezielle Zeit unterstützen kann. Ein Wunder wächst in mir, aus einer befruchteten Zelle entsteht ein Lebewesen. Die ersten drei Monate waren nicht die angenehmsten. Es geschahen schon so viele Veränderungen in meinem Körper und am liebsten hätte ich es jedem erzählt. Eine gewisse Angst, dass dieses kleine Lebewesen „weggeht“, war dabei und so wollte ich warten, bis die kritischen Monate vorbei waren. Pilates hat mir gerade in diesen Monaten geholfen, durchzuatmen, bei mir zu sein, Vertrauen zu schöpfen, dass es „dableibt“.
Circa in der 14. Woche hatte ich an einem Sonntag starke Krämpfe und rief im Spital an. Die Hebammen waren freundlich, hilfsbereit und überliessen es mir, ob ich ins Frauenspital gehen wolle oder nicht. Schlussendlich war klar, dass es in die eine oder andere Richtung gehen konnte und man nicht viel unternehmen könne. Ich beschloss das zu tun, was wir auch in jeder Schwangerschafts-Pilates-Stunde machen: Ganz bewusst Kontakt zum Baby schaffen und mit ihm in Verbindung bleiben. In jeder Stunde schaffen wir Momente, um mit dem Baby in Kontakt zu sein. Die Welt um uns bleibt laut im Alltag. Aber es ist so wichtig, bewusst inne zu halten und Kontakt aufzunehmen - während der ganzen Schwangerschaft und auch während der Geburt.

Die nächste Kontrolle zeigte: Alles in Ordnung mit der Kleinen und die ersten kritischen Wochen waren vorbei. Freudig nahm ich all meine zig Schwangerschaftsbücher aus dem Schrank, mit welchen ich mich Schritt für Schritt auf eine natürliche Geburt vorbereiten wollte. Gleichzeitig suchte ich nach einem entsprechenden Geburtsvorbereitungskurs. Mit meinem Partner besuchte ich diesen lehrreichen Kurs und fand dort ganz viele Parallelen zum Pilates, insbesondere zur Pilates-Bodymotion-Methode: 

Zusammengefasst in Stichworten die sieben Bodymotion-Pilates-Prinzipien und -Aspekte während der Schwangerschaft und Geburt:
- Atmung > allgemein ein Schlüsselprinzip in allen Lebenslagen, Atmung in der Schwangerschaft und für die verschiedenen Phasen der Geburt
- Entspannung & Lockerheit > Entspannung, Vertrauen, Lockerheit und Loslassen in der Schwangerschaft und während der Geburt 
- Alignment & Gewichtsverlagerung > Ausrichtung des Körpers, Geburtspositionen und Bezug zur Schwerkraft
- Zentrierung > Bezug zur Körpermitte und zum Beckenboden, die Fähigkeit, aktivieren und loslassen zu können
- Länge und Weite > Länge in der Wirbelsäule für eine aufrechte Haltung während der Schwangerschaft, Weite im Becken für das wachsende Kind und die Geburt
- Gelenkartikulation > Bewegliches Becken und freie Hüften, bewegliche Wirbelsäule für schmerzendes Kreuz
- Schultergürtelorganisation > Weite im Schultergürtel, trotz wachsender Burst und Zug nach vorne gute Schultergürtelorganisation und Kraft für die kommende Zeit mit dem Baby

Merkmale und Qualitäten der Bodymotion-Methode, auf die ich nachfolgend eingehen werde:
• Körperwahrnehmung und Bewegungsqualität
• Kraft unserer Gedanken > Imagination 
• Vertrauen > Positiver Flow 
• Potential der Sprache > Positiver Sprachgebrauch
• Anker setzen und Alltagsintegration 

Eine der wichtigsten Messages in meinem Geburtsvorbereitungskurs war, die werdende Mutter darin zu bestärken, dass sie es schaffen wird! Meinem Körper Vertrauen zu schenken, dass er neues Leben entstehen lässt und genau weiss, was er tun muss. So fing ich an, meinen Körper als Tempel zu sehen. Ihm Vertrauen zu schenken und dankbar zu sein, dass er ein solches Wunder vollbringt.

Während meiner Schwangerschaft besuchte ich oft unsere entsprechenden Pilates Stunden sowie Yogastunden in anderen Studios. Da das Training in der Schwangerschaft eher ruhig und fokussierter ist, habe ich mich vor meiner eigenen Schwangerschaft wiederholt gefragt, ob es den schwangeren Frauen nicht zu langweilig ist. Nun konnte ich es für mich erleben und genoss gerade im letzten Drittel der Schwangerschaft besonders die Mischung aus Entspannung, Kräftigung, Bezug zum Kind, Mobilisierung und Atmung.

In der Pilates-Bodymotion-Methode, die bei uns angewendet wird, ist das Potential der Sprache ein wichtiger Aspekt. Dabei gehört der positive Gebrauch dazu. Wir wollen dadurch unsere Kundinnen und Kunden dazu ermuntern, eine Bewegung mit bestmöglicher Bewegungsqualität durchzuführen, mehr als diese davon zu warnen. Oder anstatt zu sagen «Mach den Rücken nicht krumm», sprechen wir sie an: «Lass deine Wirbelsäule sich lang aufrichten, der Scheitel zieht zur Decke und dein Steiss fällt Richtung Boden.» Dieses positive Anleiten einer Bewegung unterstützte mich auch in der Schwangerschaft, mich mit positiven Suggestionen zu motivieren. Ja und Nein gleichzeitig geht nicht. Ich kann entscheiden, auf was ich mich fokussiere, auf Ja oder Nein. Und ich wollte mich auf das Ja fokussieren; v.a. in Bezug auf die Geburt! Jede Atmung, jede Wehe mit einem Ja zu bejahen. Ein Beispiel einer inneren Vorstellung ist, sich Wörter wie «entspannen», «loslassen», «weit werden», «weich werden», «ausatmen», «jaaaaaaaa» hell strahlen zu lassen wie bei einer Leuchtreklame. So übte ich während meiner Schwangerschaft, mir diese Wörter vor meinem inneren Auge erscheinen zu lassen. Im Pilates arbeiten wir mit Vorstellungen und auch mit Körperreisen. Wir fokussieren unsere Sinne darauf, unseren eigenen Körper mit dem werdenden Baby darin bewusst wahrzunehmen und auch loslassen zu können. 

Eine andere Methode im Pilates ist das «Feedforward»: Sich eine Bewegungsabfolge vorstellen und dabei wahrnehmen, wie diese erfolgt. Ich habe diese Methode auch für die Geburtsvorbereitung trainiert: Mir immer wieder vorgestellt, wie ich es schaffe, dieses kleine Wesen zu gebären. Ich habe mir den anatomischen Geburtsvorgang vorgestellt und mich auf den Moment gefreut, das neue Lebewesen am Ende in meine Armen zu nehmen. 

Eine weitere grossartige Unterstützung war meine Hebamme, welche ich mir für mein Wochenbett ausgesucht hatte. Sie versorgte mich schon während der Schwangerschaft mit vielen hilfreichen Tipps und Akupunktur. 

Am 13. Dezember begannen während einer unruhigen Nacht meine ersten Wehen. War es nun der Anfang der Geburt - oder doch nicht? Ich spürte, dass Bewegen mir guttat. Auf einem Gymnastikball sitzend atmete ich in mein Becken und liess es kreisen und bewegen. Die Wehen wurden regelmässiger und hielten länger an. Es war Zeit, mich auf den Weg ins Geburtshaus zu machen. Dort setzte ich meine Bewegungen auf dem Ball fort, um jede Wehe zu veratmen. 
Für die Kontrolle der Herztöne legte ich mich eine kurze Zeit aufs Bett. Doch ich empfand die Wehen in Rückenlage als schmerzhafter und blieb nicht lange in dieser Position. Es war einfacher für mich, die Wehen in der Hocke, stehend am Seil, sitzend auf dem Ball etc. zu durchleben. Nachdem sich der Muttermund nur sehr langsam öffnete, legte ich mich in die warme Wanne - Hier gelang es mir, mich komplett auf das Hier und Jetzt und auf meine Atmung zu konzentrieren. In den Pausen den Schultergürtel wieder lockern und neue Kraft schöpfen. 
Im nächsten Stadium der Geburt, der Austreibungsphase, verstärkte ich den stetigen Kontakt mit meinem Baby und ich visualisierte, wie es sich durch den Geburtskanal dreht. Ich blieb in der Wanne, änderte meine Gebärposition damit uns die Schwerkraft unterstützt und es ging Schritt für Schritt weiter. Die Hebammen und auch mein Partner waren eine riesen grosse Unterstützung während der ganzen Zeit! Die Atmung ist ein Wundermittel: Diese Urkraft und Hilfe, mit welcher es mir gelang das kleine Lebewesen immer weiter nach unten und aussen schieben, war bemerkenswert. 
Nach einigen weiteren Wehen war die kleine Eliza geboren. Ich liess sie einige Sekunden lang durchs Wasser gleiten, damit sie langsam die neue Umgebung kennen lernen konnte. Endlich durfte ich sie in meinen Armen halten und mir kullerten die Tränen über die Wangen.

Ich bin unendlich dankbar, durfte ich meine Geburt so positiv erleben – es ist nicht selbstverständlich. Ich bin überzeugt, dass mein Pilates-Training zu diesem so einschneidenden Erlebnis positiv beigetragen hat.


Die Fortsetzung folgt im Juni in unserer Special Week zum Thema Rückbildung.